Kennerschaft – Connoisseurship
in den Geisteswissenschaften

„Der Sinn für das Richtige kennzeichnet in den Geisteswissenschaften, in denen sich so wenig beweisen läßt, den Meister…”

Ein im modernen Kulturbetrieb fast vergessener Wert ist die Kennerschaft (Connoisseurship). Gepflegt wird sie am ehesten noch im Bereich der musealen Arbeit. An den Universitäten und Forschungsinstituten dagegen geben zunehmend Wissenschaftler den Ton an, die zwar über umfangreiches Theoriewissen verfügen, aber kaum in der Lage sind, eigenständige Urteile über die Kunstwerke und andere Kulturerzeugnisse zu fällen. Die Objekte werden in Theorien eingebunden, statt die Theorien auf die Objekte aufzubauen.

Kennerschaft erscheint den Theoretikern suspekt, da hier Erfahrung und Intuition zu Urteilen führen, die sich einer Beweisführung zu entziehen scheinen, wie sie ausgehend von den Naturwissenschaften auch im geisteswissenschaftlichen Bereich Mode geworden ist. Dabei wird von geisteswissenschaftlicher Seite gerne übersehen, daß auch naturwissenschaftliche Beweisführung keinen absoluten Gültigkeitsanspruch erheben kann. Und geisteswissenschaftliche Theoriebildung kann eben nur aufbauen auf die Einordnung der Objekte in Kategorien einer räumlichen und zeitlichen Zuordnung. Diese bilden das kulturhistorische Koordinatensystem, in dem sich die Forschung bewegt.

Wie kann man den Begriff der Kennerschaft nun fassen? Ein berühmter Archäologe hat in seinem Nachruf auf einen noch berühmteren Archäologen resümiert (Karl Schefold über Ernst Buschor): „Der Sinn für das Richtige kennzeichnet in den Geisteswissenschaften, in denen sich so wenig beweisen läßt, den Meister, und in guten Zeiten haben Lehrlinge und Gesellen Respekt vor diesem Sinn.“ Es ist das Bild von der handwerklichen Meisterschaft, das auf die Wissenschaft übertragen wird. Solche Meisterschaft baut auf Kennerschaft auf, wenn auch nicht notwendigerweise jeder Kenner auch die Ebene des Meisters erreicht, die auch den Aspekt der Weitergabe an Lehrlinge und Gesellen beinhaltet.

Kennerschaft erweist sich am leichtesten vor dem bisher unbekannten Objekt. Besonders schwierig ist die Einordnung ohne bekannten Kontext: eine Situation, die bei Objekten im Kunsthandel häufig ist, die aber auch etwa in Prüfungssituationen künstlich geschaffen werden kann. Hier stellen sich Fragen nach zeitlicher und kunstlandschaftlicher Zuordnung, verbunden immer mit der Frage nach der Echtheit des Objekts. Schon die Beurteilung dieser Problematiken ist zumeist nur auf der Grundlage großer Erfahrung möglich. Materialtechnische, handwerkliche, stilistische und motivische Elemente müssen analysiert und klassifiziert werden. Erste Einordnungen macht der Kenner im Kopf, dann sichert auch er sich häufig durch vergleichende Bildvorlagen oder im günstigsten Falle durch direkte Objektvergleiche ab. Schließlich wird er den Kontakt zu Kollegen suchen, ihre Meinung einholen und die eigenen Argumente in der Diskussion überprüfen.
Je singulärer ein Objekt, desto schwieriger in der Regel seine Einordnung in das Koordinatensystem des Bekannten – aber auch umso spannender!

Mit der Kennerschaft eng verbunden ist die Frage der Qualität. Entsprechend läßt sich eine weitgehende Negierung der Frage nach der Qualität eines Werkes in der theorielastigen “Wissenskultur” unserer Zeit beobachten. Wer sich zur Qualität einer Arbeit äußert, disqualifiziert sich in den Augen vieler Kulturwissenschaftler selbst. Entsprechend geht das Handwerkszeug zur qualitativen Beurteilung kultureller Leistungen im Forschungsbereich immer mehr verloren. Wieder sind es nur die Praktiker an Museen und im Kunsthandel, die sich mit der Frage nach Qualität beschäftigen. Denn die Qualität bestimmt auch heute noch in vielen Fällen die Wertschätzung – und damit auch konkret den Preis – eines Werkes. Sachverstand und Erfahrung des Kenners sind gefragt.
Autorschaft: planarte
Kennerschaft Connoisseurship Geisteswissenschaften
Kennerschaft Connoisseurship Geisteswissenschaften
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